Die Forschung zeigt in der Zwischenzeit sehr deutlich auf, dass immer mehr Kinder und Jugendliche gesundheitliche Störungen aufweisen, die im Schnittbereich zwischen Körper, Psyche und Umwelt liegen. Neben Fehlernährung, ist vor allem die zunehmende Inaktivität (Bewegungsmangel) verantwortlich zu machen. Die für Kinder vor 30 Jahren noch selbstverständlichen und in einer natürlichen Lebensumwelt spontan entfaltbaren Bewegungshandlungen erfahren einerseits durch eine restriktive Gestaltung ihrer sozialen und räumlichen Lebenswelt eine starke Einengung. Andererseits zähmen unreflektierte Übersicherungsmaßnahmen sowie überängstliche Erwachsene ein die Grenzen auslotendes Bewegungsverhalten der Kinder.
Erschwerend kommt hinzu, dass ein ständig komplexer werdende multimediale Welt einseitig das Sehen und Hören überstimulieren. Das körperliche - sinnliche Erleben und damit die kinästhetisch-vestibulären taktilen Sinneserfahrungen treten zunehmend in den Hintergrund. Kinder von Heute erfahren zum Nachteil ihrer ganzheitlichen Entwicklung eine „unausgewogene Sinneskost.“
Sensomotorische Leistungsfähigkeit und gesundheitliche Entwicklung von Heranwachsenden stehen in einem engen Zusammenhang. Bislang lagen in Deutschland keine aussagekräftigen Daten zur Motorik von Kindern vor. Diese Lücke konnte durch das Motorik-Modul (MoMo) geschlossen werden. Das MoMo ist ein Teilmodul des Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KIGGS / www.kiggs.de) des Robert-Koch-Institutes (RKI). In den Jahren 2003–2006 wurden unter Leitung von Prof. Bös bundesweit an 167 Orten 4529 Kinder und Jugendliche hinsichtlich ihrer motorischen Leistungsfähigkeit getestet und zu ihrer körperlich-sportlichen Aktivität befragt. Im Zuge der umfassenden Datenauswertung fällt ins Gewicht, dass unsere Heranwachsenden insbesondere bei einer elementaren koordinativen Fähigkeit, der Gleichgewichtfähigkeit, auffallend schlecht abschneiden. 35% der Kinder und Jugendlichen können nicht zwei oder mehr Schritte rückwärts balancieren. 86 % der Kinder und Jugendlichen können nicht 1 Minute einbeinig auf einer T-Schiene balancieren (ohne den Boden zu berühren). Da die Gleichgewichtsfähigkeit auf der vestibulär-propriozeptiven Informationsverarbeitung basiert, gibt dieses Ergebnis auch Rückschlüsse auf die Qualität des Haltungs- und Körperschema der Probanden.
Die Forschung macht aber auch deutlich, dass nicht mangelnde sportliche Aktivität sondern vielmehr der
Rückgang der Alltagsmotorik verantwortlich ist. Die heutigen Lebensumstände haben sich in einer Form verändert, die es Kindern und Jugendlichen zunehmend schwer machen, im Alltag das erforderliche Maß an kumulierter moderater körperlicher Aktivität zu erbringen (Brettschneider & Bünemann 2005).
- Kinder finden immer weniger Spiel- und Bewegungsräume vor, in denen sie ihre Bewegungsbedürfnisse spontan und grenzwertig ausleben dürfen,
- Kinder werden im Zuge organisierter „Events“ durch angeleitete Aktivitäten Erwachsener zunehmend verplant („verplante Kindheit“),
- Kinder begeben sich immer mehr statisch passiv sitzend in den Einfluss der multimedialen Spiel- und Informationstechnologie (Erfahrungen aus „zweiter Hand“),
- Kinder haben immer weniger Spielpartner, sie spielen häufig allein,
- Kinder werden durch verunsicherte und in ihrem Erziehungsverhalten zur Überbehütung und Übersicherung neigende Erwachsene in ihrem spontanen Spiel- und Bewegungstrieb immer mehr eingeschränkt.